Arnulf Rainer

KUNST IST FÜR MICH EINE HILFE FÜR DEN MENSCHEN UND EINE FORM, SICH ZU ENTFALTEN.

KÖRPERSPRACHE

„Ich glaube, dass es für einen Künstler durchaus wichtig ist, auch das Physische zu zeigen, dass im Leiblichen etwas ist, mit dem sich der Mensch bewusst beschäftigen muss, dass es eine sehr wichtige Kommunikationskategorie ist, eine psychische Kontraktkategorie. Aber nicht nur wie aus der Tradition bekannt, etwas Tanz und Gymnastik, sondern dass sie Kunst fähig ist, neue Kategorien und neue Wege für die Körperlichkeit und Körperausdrucksfähigkeit zu entdecken, zu zeigen und vorzuleben.“ (Arnulf Rainer, 1974)

In Arnulf Rainers vielen unterschiedlichen Werkgruppen nehmen die 1970er eine besonders spannende Schaffensphase ein, denn sie sind durchwirkt von seinem Fokus auf die Physiognomie des Menschen. Durch die unkonventionelle Weise, seine Kunst immer wieder in verschiedene Richtungen voranzutreiben, entwickelte er sich zu einem der bedeutendsten Künstler des österreichischen Informel.

Der 1929 in Baden geborene Künstler wird an der Universität für angewandte Kunst und kurz darauf an der Wiener Akademie für bildende Künste aufgenommen, beide Institutionen verlässt er allerdings nach nur wenigen Tagen wieder. Die kurze, aber intensive Liebesbeziehung mit der um zehn Jahre älteren Maria Lassnig war dafür umso prägender für Rainers Arbeiten. Körperlichkeit war für die beiden Künstler, die Seite an Seite malten, schon damals das Thema, das sie beide nachhaltig auf ihre jeweils ganz eigene Weise beschäftigte.

Nach der Abkehr vom Surrealismus 1951 durch eine enttäuschende Begegnung mit André Breton, den Lassnig und Rainer während Ihres Aufenthaltes in Paris trafen, begann er verstärkt mit abstrakten Experimenten des tachistischen Informel – Zentralgestaltungen, Atomisationen und Proportionsstudien entstanden. Aus diesen künstlerischen Ausdrucksweisen entwickeln sich seine Übermalungen, die ab 1954 von Werken aus eigener sowie fremder Hand entstehen, aus „Vervollkommnungsdrang“, wie Rainer es ausdrückt. Zunehmend spielt das Medium der Fotografie eine entscheidende Rolle, welches er akzentuiert oder ganz überarbeitet. Gerade bei Rainers zahlreichen fotografischen Selbstdarstellungen setzt sich der Künstler intensiv mit Mimik und Performance auseinander.

Die 1970er Jahre sind geprägt von Serien wie „Face Farces“ und „Body Poses“, ferner werden auch zwei Filme zu Rainers Kunst der „Körpersprache“ gedreht. Neben den melancholischen Überzeichnungen von Totenmasken widmet er sich vor allem weiblichen Akten, der Zyklus „Frauensprache“ entsteht 1977. Rainer überarbeitet hier vor allem ältere Aktfotografien professioneller Modelle und Tänzerinnen. Er reagiert auf die Körperformen der Frauen mit einem vibrierenden Betonen der Konturen, mit weichen, verhüllenden Übermalungen bis hin zu fast aggressiv wirkenden Akzenten.

Darüber hinaus entwickelt Rainer im Jahre 1973 die gestische Hand- und Fingermalerei. Das physische Eindringen des Künstlers in das Werk steht hier im Mittelpunkt. Der Impuls des Körpers trifft direkt auf die Leinwand. Beim gegenüberliegenden Bild entsteht so eine Explosion an Fingerspuren, ein Chaos aus Gestik und grüner Farbe. Der Kontrast der unterschiedlichen Malgesten sowie der abgestimmten Grüntöne zueinander bietet ein sinnliches Erlebnis von Materialität, Farbigkeit und Form, welches sich spannungsreich vervollständigt.

Letztendlich ist Arnulf Rainer wie ein immer nach Verbesserung trachtender Forschender mit der Körpersprache als umfangreiches Forschungsfeld. Aus einer Werkgruppe entsteht die nächste, immer bestrebt mit seinen Arbeiten über sich hinaus zu wachsen. „Ich betrachte die Kunst als etwas, das den Menschen erweitern soll.“ (Arnulf Rainer, 1974) derkehrender interessanter Aspekt bleibt.

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